Interview mit einem Jean-Paul-Kenner. Und Liebhaber. An einem Herbstabend.

Ein Interview.
Ein Telefoninterview.
An einem späten Herbstabend.
Mit einem Jean Paul-Kenner.
Und Jean Paul-Liebhaber.
Ein Interview mit Dr. Frank Piontek.

Der Herr Dr. wirkte schon bei vielen Projekten rund um den Dichter, wie z. B. dem Jean Paul-Weg, mit.
Und ist gewissermaßen ein Experte.
Und außerdem im Durcharbeiten sogenannter „schwieriger“ Literatur sehr geübt.
Eines seiner letzten Projekte waren die (fast täglichen) Lektürenotizen  zu Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“.
Dr. Frank Piontek las und schrieb 2 Jahre (!) lang.
Zu Musil.
Zu der „Mann ohne Eigenschaften“.
Die Lektürenotizen finden sich hier:

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften, Lektürenotizen von Fank Piontek

Momentan unterstützt er die Neugestaltung des Jean Paul Museums in Bayreuth und ist Berater für die Ausstellung „Jean Paul und die Frauen“, im Fichtelgebirgsmuseum Wunsiedel, die am 07. April 2013 eröffnet wird.

An jenem spätem Herbstabend führte ich also ein Telefoninterview mit Herrn Piontek.
Am Vorabend der Abreise des Herrn Dr.’s nach Israel.

Das Interview fand statt, trotz meiner einleitenden Worte, dass mich all sein Expertentum in diesem Zusammenhang gar nicht interessiert.

„Ich will von Dir wissen, Pio, was Jean Paul mit Dir ganz persönlich macht!
Will wissen was Dich „anmacht“!“

Der Herr Dr. blickt auf das Lesen von rund 10.000 Seiten Jean Pauls zurück.
Und überlegt.
Und sagt:
„Jean Paul lesen macht Spaß!
Grade weil er (angeblich?) schwierig ist.
Die Texte sind anspruchsvoll, vielfältig und komplex.
Man kann ihn aber verstehen.
(Ach ja? Anm. der Autorin)
Man muss ihn nur richtig lesen.
(Ahaaa….??? Anm. der Autorin)
Und richtig lesen ist langsam lesen!
Pro Tag maximal 2 Seiten.
Auch mehrmals lesen hilft.

Der erste, sich beim Lesen einstellende Affekt, sollte überprüft werden.
Sollte nicht gleich zum Weglegen der Lektüre und nie wieder anfassen führen.
Man sollte auch ein wenig ums Verständnis ringen.
Auch mal was nachschlagen, kann hier hilfreich sein.
Aber auch eine gewisse Distanz des Leser zu den Texten Jean Pauls ist ausgesprochen hilfreich.

Die Form der Texte entspricht nicht immer der heutigen „Political Correctness“.
Die Sprache des Dichters ist ausgesprochen reich.
Viele Wortschöpfungen stammen von Jean Paul.
Werden sogar heute noch verwendet.“
(Wir wissen es bloß nicht! Anm. der Autorin)
(Einige Beispiel hier sind: „Gansefüßchen“, „Schmutzfink“ und „Angsthase“. Jaaaa, das alles ist von JP! Anm. der Autorin)

„Ganz wichtig“, sagt Pio, „ist der sehr, sehr gute Humor Jean Pauls!
Man muss ihn nur kapieren.

Die Meinungen in den Texten des Dichters sind auch historisch gesehen, äußerst interessant.
Die Erzählungen und Romane sind kontrastreich.“

„Jaaaaa…“ sagt der Herr Dr., „Jean Paul ist schon manchmal ganz schön „schwallig“!
Das Pathos teilweise unerträglich.
Aber wenn man glaubt, jetzt geht’s gar nicht mehr, und sich schon fast gezwungen sieht, die Lektüre wegzulegen, dann…
ändert sich der Text.
Unerträgliches Pathos wird ganz plötzlich zur Realsatire.“

Man sollte auch Wachsein.
Um Jean Paul zu Lesen.
Herr Piontek bevorzugt hier die frühen Morgenstunden.
Er ist ergriffen vom Gefühle und den Sehnsüchten des Dichters.
Kopf und Herz des Lesers wird angesprochen!

Die Texte Jean Pauls sind:
– Scharfer Intellekt gepaart mit Herz.
– Zwischen Himmel und Erde.

Kein weiterer Literat schreibt so!

Hat man all die Widrigkeiten, die Jean Paul Texte so mit sich bringen , überwunden, kommt Verständnis auf, und ein angenehmes Gefühl der Befriedigung stellt sich ein.

Herr Dr. Pio widmet sich natürlich auch noch, im Hinblick auf den 250. Geburtstag des Dichters 2013, einem aktuellen Projekt zu Jean Paul:
Aus des Teufels Papieren: Das Logenblog
Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Hier:
www.literaturportal-bayern.de/logenblog

Erschöpft fragt die Autorin:
„Warum tust Du Dir das eigentlich alles an, lieber Pio?“

Der Herr Dr. antwortete mit einem Spruch Arnold Schönbergs(Komponist von 12-Ton-Musik; Anm. der Autorin):
„Es wollt ja sonst keiner machen…“

Ich sagte „Danke“.
Lieber Pio.
Für Herz und Hirn.

Wir wünschten schöne Abende, gute Zeiten und viel Spaß in Israel.
Tranken ein noch kleines Stamperl „Abendphilosophie“

Und gingen in die Nacht mit der, immer noch unbeantworteten, Frage, ob eine Frau es wert sein kann, sein Leben für sie zu geben….

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