Laterne, Laterne…

foto einer im baum hängenden laterne

Schlag auf Schlag.
Heut‘ wieder ein Bayreuthianischer Beitrag.

Ein Brief.
An Jean Paul.

Mein lieber Jean Paul,
erinnerst du dich an den Winter, als dich eisiger Wind und beißender Frost in meine Stube trieben? Ich weiß noch gut: du vor der Türe, zitternd um Einlass bittend, die schwarze Kapuze tief ins Gesicht gezogen, das Pünktchen-Muster des letzten Schneeflockentanzes auf deinen Schultern, die schweren Stiefel auf der Schwelle zwischen Ankommen und Bleiben, zwischen dem Jetzt und dem Zukünftigen, zwischen der Einsamkeit und dem Miteinander. In deiner Hand: diese kleine Laterne, die dir den Weg leuchten sollte und die du hinterm Haus dann ausrauchen lassen wolltest. Hast das kleine blecherne Ding an den Baumstumpf gehängt, an den letzten und einzigen Ast des vertrockneten Riesen, dem der Hausherr so bitterböse zu Leibe gerückt war im letzten Sommer, dass nicht mehr als ein hässlicher Rumpf übrig geblieben war – und ein kleiner Haken für deine Laterne, als hätte es der Gärtner damals schon geahnt…
Tag um Tag schaue ich auf deine Laterne. Ob du Hals über Kopf am nächsten Tag die Stube wieder verlassen hast oder ob es ohne Eile war, ob du inmitten unserer eifrigen Geschwätzigkeit nicht an dein Eigentum denken konntest oder ob es ein schmerzvoller, tränenreicher Abschied war – was tut das hier zur Sache. Du gingst. Und deine Laterne blieb.
In so mancher Nacht habe ich den winzigen Deckel aufgehoben und sie entflammt, ihr durch alle Jahreszeiten hinweg beim Spiel gegen den Wind zugeschaut, sie von Regentropfen befreit und mal vom Staub der Sonnenblumen. Und irgendwann, da habe ich sie vergessen, deine kleine Laterne dort hinterm Haus im Garten am Baumzipfelchen. Und während das verstümmelte Gehölz zu neuem Leben erwachte – ganz offensichtlich tat der kleine neue Kumpel dem beschnittenen Riesen so gut – da umfingen Zweige und Triebe und Knospen und allerlei frische Auswüchse das Metalldingelchen und schlossen es in ihr grünes Herz.
In diesem Herbst endlich, nach so vielen Jahren, habe ich mir beim Laubsammeln den Kopf gestoßen – ach lieber Jean Paul, an deiner kleinen Laterne! Und obgleich sie noch wie ein schwarzer Feuertopf mit gläsernen Fenstern wirkt, ist sie als solcher längst nicht mehr zu gebrauchen. Denn der Baum und sein Spross haben sie so vereinnahmt, dass sich weder das Deckelchen lüften noch das Lämpchen irgendwie abheben lässt. Was sagst du nun dazu?
Wer begleitet dich in diesem Winter durch finstere Nacht? Wer erhellt dir den Weg? Wer wärmt deine Fingerspitzen? Wer säumt mit Lichtschein dein Antlitz?
Siehst du, mein Guter, so ist dein Lichtlein bei mir geblieben und so wird es auch für immer sein. Und wenn ich in diesem Frühling das Haus auch verlasse, um deinem Bayreuth den Rücken zu kehren, dann bleibt deine Laterne doch hier als Treueversprechen am Baum. Und so mancher noch wird über diese ungewöhnliche Verwandtschaft von Natur und Werkzeug staunen. Aber nur wer an einem grimmig kalten Winterabend sehr leise ist, der wird das hölzerne Liebesflüstern hören und auch das, was das Leuchterchen zu sagen hat: „Wer die Laterne trägt, stolpert leichter als wer ihr folgt.“
Ich küsse und umarme dich zum Abschied.
Deine Veronika Lenz

Ich, die Blogautorin, danke der Beitragenden ganz herzlich!

Foto: Veronika Lenz

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