Jean Paul. Und Christus.

retro jesusbild

Heut‘ lass‘ ich erstmalig unsren gesuchten Literaten, der ja bekanntermaßen Pfarrerssohn war,
höchstpersönlich zu Wort kommen.
Mit der „Christusrede“.
Aus dem Roman „Siebenkäs“ von Jean Paul.

Der erste längere Text, den ich selbst gelesen habe.
Ich werd‘ nun aber sicherlich keine Interpretation dazu abgeben.
Das können andere sicher viel besser.

Wer aber trotzdem interessiert ist, sollte einfach mal im Netz schauen…

Ansonsten jetzt viel Spaß beim Lesen!

(…)
„Ich lag einmal an einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge und entschlief. Da
träumte mir, ich erwachte auf dem Gottesacker. Die abrollenden Räder der Turmuhr, die eilf
Uhr schlug, hatten mich erweckt. Ich suchte im ausgeleerten Nachthimmel die Sonne, weil ich
glaubte, eine Sonnenfinsternis verhülle sie mit dem Mond. Alle Gräber waren aufgetan, und
die eisernen Türen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Händen auf und zu. An den
Mauern flogen Schatten, die niemand warf, und andere Schatten gingen aufrecht in der bloßen
Luft. In den offenen Särgen schlief nichts mehr als die Kinder. Am Himmel hing in großen
Falten bloß ein grauer schwüler Nebel, den ein Riesenschatte wie ein Netz immer näher, enger und heißer herein zog. Über mir hört‘ ich den fernen Fall der Lauwinen, unter mir den
ersten Tritt eines unermeßlichen Erdbebens. Die Kirche schwankte auf und nieder von zwei
unaufhörlichen Mißtönen, die in ihr miteinander kämpften und vergeblich zu einem Wohllaut
zusammenfließen wollten. Zuweilen hüpfte an ihren Fenstern ein grauer Schimmer hinan, und
unter dem Schimmer lief das Blei und Eisen zerschmolzen nieder. Das Netz des Nebels und
die schwankende Erde rückten mich in den Tempel, vor dessen Tore in zwei Gift-Hecken
zwei Basilisken funkelnd brüteten. Ich ging durch unbekannte Schatten, denen alte Jahrhunderte aufgedrückt waren. – Alle Schatten standen um den Altar, und allen zitterte und schlug
statt des Herzens die Brust. Nur ein Toter, der erst in die Kirche begraben worden, lag noch
auf seinen Kissen ohne eine zitternde Brust, und auf seinem lächelnden Angesicht stand ein
glücklicher Traum. Aber da ein Lebendiger hineintrat, erwachte er und lächelte nicht mehr, er
schlug mühsam ziehend das schwere Augenlid auf, aber innen lag kein Auge, und in der
schlagenden Brust war statt des Herzens eine Wunde. Er hob die Hände empor und faltete sie
zu einem Gebete; aber die Arme verlängerten sich und löseten sich ab, und die Hände fielen
gefaltet hinweg. Oben am Kirchengewölbe stand das Zifferblatt der Ewigkeit, auf dem keine
Zahl erschien und das sein eigner Zeiger war; nur ein schwarzer Finger zeigte darauf, und die
Toten wollten die Zeit darauf sehen.
Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf
den Altar hernieder, und alle Toten riefen: »Christus! ist kein Gott?«
Er antwortete: »Es ist keiner.«
Der ganze Schatten jedes Toten erbebte, nicht bloß die Brust allein, und einer um den andern wurde durch das Zittern zertrennt.
Christus fuhr fort: »Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den
Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das
Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief: ‚Vater, wo bist du?‘ aber ich
hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als
ich aufblickte zur unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer
leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und
wiederkäuete sich. – Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten; denn Er ist nicht!«
Die entfärbten Schatten zerflatterten, wie weißer Dunst, den der Frost gestaltet, im warmen
Hauche zerrinnt; und alles wurde leer. Da kamen, schrecklich für das Herz, die gestorbenen
Kinder, die im Gottesacker erwacht waren, in den Tempel und warfen sich vor die hohe Gestalt am Altare und sagten: »Jesus! haben wir keinen Vater?« – Und er antwortete mit strömenden Tränen: »Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.«
Da kreischten die Mißtöne heftiger – die zitternden Tempelmauern rückten auseinander –
und der Tempel und die Kinder sanken unter – und die ganze Erde und die Sonne sanken nach
– und das ganze Weltgebäude sank mit seiner Unermeßlichkeit vor uns vorbei – und oben am
Gipfel der unermeßlichen Natur stand Christus und schauete in das mit tausend Sonnen durchbrochne Weltgebäude herab, gleichsam in das in die ewige Nacht gewühlte Bergwerk,in dem die Sonnen wie Grubenlichter und die Milchstraßen wie Silberadern gehen.
Und als Christus das reibende Gedränge der Welten, den Fackeltanz der himmlischen Irrlichter und die Korallenbänke schlagender Herzen sah, und als er sah, wie eine Weltkugel um
die andere ihre glimmenden Seelen auf das Totenmeer ausschüttete, wie eine Wasserkugel
schwimmende Lichter auf die Wellen streuet: so hob er groß wie der höchste Endliche die
Augen empor gegen das Nichts und gegen die leere Unermeßlichkeit und sagte: »Starres,
stummes Nichts! Kalte, ewige Notwendigkeit! Wahnsinniger Zufall! Kennt ihr das unter
euch? Wann zerschlagt ihr das Gebäude und mich? – Zufall, weißt du selber, wenn du mit
Orkanen durch das Sternen-Schneegestöber schreitest und eine Sonne um die andere auswehest, und wenn der funkelnde Tau der Gestirne ausblinkt, indem du vorübergehest? – Wie ist
jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alles! Ich bin nur neben mir – O Vater! o Vater!
wo ist deine unendliche Brust, daß ich an ihr ruhe? – Ach wenn jedes Ich sein eigner Vater
und Schöpfer ist, warum kann es nicht auch sein eigner Würgengel sein?…..
Ist das neben mir noch ein Mensch? Du Armer! Euer kleines Leben ist der Seufzer der Natur oder nur sein Echo – ein Hohlspiegel wirft seine Strahlen in die Staubwolken aus Totenasche auf euere Erde hinab, und dann entsteht ihr bewölkten, wankenden Bilder. – Schaue hinunter in den Abgrund, über welchen Aschenwolken ziehen – Nebel voll Welten steigen aus
dem Totenmeer, die Zukunft ist ein steigender Nebel, und die Gegenwart ist der fallende. –
Erkennst du deine Erde?«
Hier schauete Christus hinab, und sein Auge wurde voll Tränen, und er sagte: »Ach, ich
war sonst auf ihr: da war ich noch glücklich, da hatt‘ ich noch meinen unendlichen Vater und
blickte noch froh von den Bergen in den unermeßlichen Himmel und drückte die durchstochne Brust an sein linderndes Bild und sagte noch im herben Tode: ‚Vater, ziehe deinen
Sohn aus der blutenden Hülle und heb ihn an dein Herz!’… Ach ihr überglücklichen Erdenb-e
wohner, ihr glaubt Ihn noch. Vielleicht gehet jetzt euere Sonne unter, und ihr fallet unter
Blüten, Glanz und Tränen auf die Knie und hebet die seligen Hände empor und rufet unter
tausend Freudentränen zum aufgeschlossenen Himmel hinauf: ‚auch mich kennst du, Unend-li
cher, und alle meine Wunden, und nach dem Tode empfängst du mich und schließest sie alle.‘
… Ihr Unglücklichen, nach dem Tode werden sie nicht geschlossen. Wenn der Jammervolle
sich mit wundem Rücken in die Erde logt, um einem schönern Morgen voll Wahrheit, voll
Tugend und Freude entgegenzuschlummern: so erwacht er im stürmischen Chaos, in der ewigen Mitternacht – und es kommt kein Morgen und keine heilende Hand und kein unendlicher
Vater! – Sterblicher neben mir, wenn du noch lebest, so bete Ihn an: sonst hast du Ihn auf
ewig verloren.«
Und als ich niederfiel und ins leuchtende Weltgebäude blickte: sah ich die emporgehobenen Ringe der Riesenschlange der Ewigkeit, die sich um das Welten- All gelagert hatte – und
die Ringe fielen nieder, und sie umfaßte das All doppelt – dann wand sie sich tausendfach um
die Natur – und quetschte die Welten aneinander – und drückte zermalmend den unendlichen
Tempel zu einer Gottesacker-Kirche zusammen – und alles wurde eng, düster, bang – und ein
unermeßlich ausgedehnter Glockenhammer sollte die letzte Stunde der Zeit schlagen und das
Weltgebäude zersplittern…. als ich erwachte.
Meine Seele weinte vor Freude, daß sie wieder Gott anbeten konnte – und die Freude und
das Weinen und der Glaube an ihn waren das Gebet. Und als ich aufstand, glimmte die Sonne
tief hinter den vollen purpurnen Kornähren und warf friedlich den Widerschein ihres Abendrotes dem kleinen Monde zu, der ohne eine Aurora im Morgen aufstieg; und zwischen dem
Himmel und der Erde streckte eine frohe vergängliche Welt ihre kurzen Flügel aus und lebte,
wie ich, vor dem unendlichen Vater; und von der ganzen Natur um mich flossen friedliche Töne aus, wie von fernen Abendglocken.“

Jean Paul

Ein Kommentar zu “Jean Paul. Und Christus.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s