Jean Paul und die Liebe, die keine auf den ersten Blick war…

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Ein nacherzähltes Interview, das einem Winterabend am Telefon begann, und eine Woche später in Hof weiter- und zu Ende geführt wurde.
Mit einer sehr netten, älteren Dame, die Vorträge über den Dichter hält.

Ein Dienstagabend.
Ich sitze im Wohnzimmer einer kleinen Wohnung in Hof. Bei einer sehr netten, älteren Dame. Diese hatte mich angerufen und mir, aufgrund des Zeitungsartikels über mein Projekt „Wer kennt diesen Mann“, erzählt, dass sie Vorträge über JP hält.So haben wir uns zu einem Interview verabredet.

„Des aane sach ich ihnaan, der Jaen Paul und ich, dees war kaane Liebe auf den ersten Blick…“
Der Einstieg in unser Gespräch.

Das Erzählen beginnt:
Jean Paul hatte reiche Großeltern in Hof.
Jede Woche ist er von Joditz nach Hof gelaufen.
Er spricht aber von Hukelum nach Kuhschnappel.
Die Großmutter füllte das Säcklein voll, da die Richters sehr arm waren.

Die Großmutter schenkte ihm einmal, JP war grade das erste Mal verliebt, (Ich, die Blogautorin, schweife gedanklich kurz ab, und überlege,
wie viele Lieben da wohl noch folgen werden…) einen ganzen Groschen, von dem JP, auf dem Jahrmarkt in Hof, einen Lebzelten für die Angebetete kaufte. Leider überlebte der Zelten nicht den Weg von Hof zurück nach Joditz. Er landete im Magen des Hungrigen (Ich schweife wieder kurz ab, gedanklich, grinse in mich hinein, und denk so bei mir, na ja, der Gute… der war nicht nur hungrig nach Lebkuchen…), und so blieb für das Mädchen nur das Bändchen.

Später folgte der Umzug nach Schwarzenbach/Saale. er Vater verstarb sehr früh. Es herrschte bittere Armut. Fünf Buben…
„…Schlimm, oft kaa Stückla Brot im Haus…“

Der frühe Selbstmord des Bruders mit 19. Er durfte, als Selbstmörder, nicht auf dem Friedhof der Lorenzkirche beerdigt werden. Die Familie begrub den Sohn und Bruder selber an einem Felsen, auf dem Weg nach Isaar.

JP war sehr oft am Brudergrab, dunkel gekleidet und mit einer Laterne. Und hat die Leute erschreckt. JP war viel nachts unterwegs und ein Mondanbeter. Ja, ein Mondschwärmer.

Es folgt die Studienzeit in Leipzig.
Philosophie und Theologie. Theologie wurde es vermutlich aus Not. Denn damals gab es dafür Vergünstigungen und man musste keine Gebühren bezahlen. Außerdem gab es einen „Freitisch“, also Essen für umsonst.
JP brach die Studien aber sehr früh wieder ab.
12. 11. 1784 verlässt JP Leipzig heimlich. Er ist verkleidet. Er eilt zum Stadttor.
Sein langjähriger Freund Oerthl erwartet ihn dort, mit Kutsche und gefälschten Ausweispapieren.
Von der Leipziger Armut flieht er in die noch drückendere Armut von Hof.
Dort ist er zunächst wieder Hauslehrer in Töpen. Bei einer sehr reichen Familie. Er bezieht ein kleines, aber geregeltes Einkommen.
Die Mutter war Hoferin. Sie wird im alter von 60 auf dem Lorenzfriedhof beerdigt.
An der Außenseite der Lorenzkirche lässt Jean Paul eine Gedenktafel anbringen, die dort noch heute ist.
„Der Gedanke an eine kleine, grüne Stelle neben der Lorenzkirche , wird der einzige bittere Tropfe sein, der in die Blumenkelche meines Frühlings rinnt…“

Wieder Haus- und Privatlehrer.
Das war damals auch ohne Abschluss möglich.

1796 endlich mit „Siebenkäs“ sein literarischer Durchbruch.
Die Mutter erlebte dies grade noch.

JP ist Lehrer, an der von ihm gegründeten, Elementar-Schule in Schwarzenbach. Nun ist er anerkannt, kann endlich auf Reisen gehen.
Im wahrsten Sinne des Wortes, denn er ging die meisten Strecken, auch die größeren, zu Fuß. Auch nach Leipzig. Da wollte er vermutlich noch sparen…

Berlin, Leipzig, Coburg, hat Goethe und Schiller persönlich kennengelernt.
Er blieb aber immer der oberfränkische Außenseiter. Er fühlte sich nicht sehr wohl in diesen adligen Kreisen.

In Bayreuth fand er dann ein kleines, literarisch interessiertes Publikum.
Mehrfach war er immer wieder in Hof.

Im „Siebenkäs“, gibt es eine ganz wunderbare Szene, die über 2 Seiten geht, von seinem Besuch am „Fröhlichen Stein“, der heutige Theresienstein.

In der „Unsichtbaren Loge“ schreibt er über die „Molukken“ in der Scherau.
„Ja, da wenn ma nur wieda wüßt, was er do gmaant hat…“
„Also da hat er die Gewürzinseln in der Saale gemeint, die gibt’s nimmer..“
Damals gab’s da kleine Inseln, und auf einer war ein Gewürzlager. Mit seltenen und ganz teuren Gewürzen.

„Sie, seng’ s, ich mach mir do manchmal an Punkt. Ich muss ja a amal Luft holn. Und wenn ich dees anner ungünstichen Stell mach…“

Die Zitate hab ich als Erstes gelesen.
Dann begann ich zu stöbern.
Die „Selbererlebnisbeschreibung“ war das erste, längere Stück.
Das hat mich fasziniert, da beschreibt er den Weg von Joditz nach Hof so genau. Und doch mit so einfachen Sätzen.
„Den Weech, den kenn ich genau, den bin ich mit meim Hund tausendmal gelaufen…“
Weiterschnüffeln…
Im Museum.
Bücher besorgt.
Weiter und weiter.
„Also, der JP, der hatte eine sonderbare Erziehung durch den Vater…“
Gesucht und gesucht.
Rausgeschreiben und rausgeschrieben.
Hat lang gedauert…

Ja, und dann hab ich da eine Sammlung über seine „erotische Akademie“.
Die hat er ja in Hof gehabt. Mädchen und Frauen, die ihn angebetet und angehimmelt haben. Eine davon war Helene Köhler…
Und Friederike Otto, die ein Leben lang seine Brieffreundin blieb.
Einer anderen, 17 Jahre jung, machte er einen Heiratsantrag , der aber abgwiesen wurde. Aus Trotz, vermute ich, verlobte er ich mit der 25jährigen Schwester.
Doch die Eltern wiesen n als „Hungerleider“ an der Tür ab.

Jean Paul war in Umarmungen, Liebkosungen und Küssen unersättlich.
Aber er ging nie weiter… Sonderbar…
(Aha, denk ich mir, sagt er… oder steht so geschrieben… und denk nicht zu Ende…)

Ein Zitat:
„Heiraten in der Jugend heißt, sich im Sommer einen Ofen mieten, im Winter weiß man dann, ob er wärmt, oder raucht.“

Die zweite Liebe Jean Pauls ist ein Mädchen aus Schwarzenbach, Katharina.
Später trifft er sich mit einer, im Leupoldsgrüner Wäldchen.

Ja, und dann, im „Siebenkäs“…
Die Rede des toten Christus…
Endlose Sätze…
Zuerst sollte eigentlich ein Engel die Gottlosigkeit verkünden, dann entschied sich JP aber doch für die kühne Version, und macht Christus selbst zum Verkünder…

Ach ja, aber zurück…
Endlich im Winterhalbjahr 1801, in Berlin, verlobt er sich mit Karoline, und heiratet sie auch. Sie gehen nach Meiningen. Bis 1804 kommt jedes Jahr ein Kind.
Seine Frau:
„Bei der Einfahrt eines Bierfasses läuft er selig umher…
Seliger, als bei der Geburt eins unserer Kinder…“

JP ließ sich immer Fässer mit Bayreuther, oder Kulmbacher Bier bringen.
„Scheinbar hat ihm des Meininger Bier net gschmeckt… so siggt’s zumindest aus…“

Familie wollte er immer. Und doch flieht er immer häufiger. Immer ins Freie. Räume bedrücken ihn.
Er schreibt im Freien. Später, in Bayreuth, in der Rollwenzelei…

Eine seiner Leibspeisen war „Kartoffeln, in 14 Gängen“…

Er ist öfter in Weimar. Trifft Gothe und Schiller.
Sein Sohn Max verstirbt in Bayreuth.

Jean Paul hat einen schwere Lebererkrankung, grauen Star, ist fast Blind und hustet schlimm.

Er schreibt über den großen, Hofer Stadtbrand, der hat ihn sehr gequält…
Ach, und wenn er über den „Fröhlichen Stein“ schreibt, da denkst du, du bist in einer wunderbaren Fantasiewelt… und dabei ist das doch der Theresienstein…

Seine Frau schreibt, dass er, Wochen vor seinem Tod, noch arbeitet. An einem Buch. Immer noch aufgeschlossen.
Er sagt: „Alles Lernen war mir Leben.“

Goete bezeichnete ihn als „wunderliches Wesen“.
Eduard Herold sagte über ihn: „Ein Oberfranke. Einer nur kann diesen Dichter verstehen, der die meteorologischen und geografischen Verhältnisse kennt.“

Jean Paul ist ein echter Oberfranke.

Aus „Quintus Fixlein“, ganz wunderbar: „Man muss dem bürgerlichen Leben Geschmack abgewinnen.“

Gut gefällt mir auch: „Geh nicht dorthin, wo der Weg hinführen mag, sondern dorthin, wo keine Weg ist, und hinterlasse eine Spur“.

JP berührt mich.
Es war Liebe auf den zweiten Blick. (Ich denk mir, das könnt ja vielleicht dann die sein, die ein Leben lang hält… vielleicht…)

JP litt schon früh unter Todesahnungen, na ja, die Leut damals wurden ja oft auch nicht sehr alt…
Seine Lieblingssage war „Die Totenmesse in der Lorenzkirche“.
Dunkel, spannend und sehr gruselig…

Meine Güte, er war schon ein sehr sonderbarer Mensch…

„Hof, wo ich das Schlimmste erlitten, und das Beste geschrieben habe.“ (ich denk mir, ja, genauso so isses, auch heute noch… das mit dem Schlimmsten… Hat doch mal ein kluger Mann (ja, solche gibt’ s…) gesagt: „Fröhliche Künstler sind unerträglich…“)

„Bayreuth hat nur den einen Fehler, dass so viele Bayreuther darin wohnen“.
Hahaha, das hat mich schon sehr erfreut, als Hoferin…

Ich danke ganz herzlich für dieses wunderbare Interview!

Foto: Petra Feigl

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